Die Rückkehr des Buchladens

Die Rückkehr des Buchladens   (jump to English version)

Überall lese ich, dass die Ebook-Revolution den Buchladen töten wird. Amazon hat alleine in den USA im 4. Quartal 2011 mehr als 6 Millionen Exemplare seines neuen “Kindle Fire” verkauft und wird, zusammen mit seinen Partnern und Konkurrenten, in den nächsten Jahren 95 % der alten Buchindustrie wegfegen – Verlage, Agenten, Lektoren und andere Torwächter. Schon jetzt verkauft Amazon mehr Ebooks als gedruckte Bücher.

Das alles ist wahr. Niemand kann es stoppen. Auch nicht jene, die sagen: “Ich mag lieber ein gedrucktes Buch. Auch wenn mir beim Lesen nach zehn Minuten die Arme schwer werden (der Kindle wiegt nur 170 g, Anm. des Verfassers) und es mir beim Einschlafen die Nase zerdeppert.”

Natürlich ist ein gedrucktes Buch toll. Wenn es toll gemacht ist. Genauso ist ein Buchladen schön. Wenn er schön gemacht ist.

Rümpfen Sie nicht die Nase gegenüber Kindle-Lesern. Sie sind Leser wie du, echte Leser, und Kindle-Bücher sind echte Bücher. Natürlich gibt es Schrott. Genau wie in der Ketten-Buchhandlung.

Wann sind Sie zuletzt in eine Buchhandlung gegangen und haben sich wohl gefühlt? Oder wurden gut beraten? Mein Vater wollte für seinen Enkel ein spannendes Jungs-Buch kaufen, und die Dame über Vierzig verkaufte ihm ein Fantasy-Buch für Mädchen. Toll.

Die großen Buchhandlungen – und es gibt fast nur noch große – sind überteuerte Supermärkte für Bücher. Es gibt eine unüberschaubare Zahl von Stapeln und Wälzern, fünfhundert oder mehr Seiten billiges Papier, das in nur drei Jahren vergilbt ist – und alles zu teuer, weil zu viele Instanzen in der Kette zwischen Autor und Leser mitverdienen wollen. Für den Autor bleiben nur ein paar mickrige Prozent übrig, wenn er nicht einer der ganz wenigen Multi-Millionen-Lottogewinner ist, die tatsächlich von ihrem Verlag vermarktet werden – und deren Bücher deswegen dann 20 Euro oder mehr kosten. Und dick sind. Also lang. Laaang. (Noch eine traurige Wahrheit: Finden Sie einen etablierten Verlag, verlieren Sie 99 % der Kontrolle über Ihr Buch. Und müssen es trotzdem selbst vermarkten.)

Ich fühle mich in großen Buchhandlungen nicht wohl. Kinder und Jugendliche übrigens auch nicht, deshalb sieht man dort fast nie welche. Die gehen lieber zu Saturn, Mediamarkt oder Gamestop. Wen wundert’s? Ich fühle mich auch nicht wohl in den großen Läden, eben weil ich dort kaum gute Bücher finde. Wussten Sie, dass 80 % aller Bücher an die Verlage zurückgeschickt und eingestampft werden? Ja, Sie haben richtig gelesen: Von 10 Titeln verkauft sich EINER richtig gut (und trotzdem nicht gut genug, um Investment-Banker hinter dem Ofen vorzulocken), EINER relativ gut und die restlichen ACHT richtig schlecht.

David Gaughran, Verfasser des exzellenten Blogs “Let’s get digital” (http://davidgaughran.wordpress.com), hat Zahlen vorgelegt: Alleine in Kanada werden pro Jahr ca. 50-100 Millionen Bücher zu Pulpe verarbeitet, also ungefähr 600.000 Bäume sinnlos zu Papier verarbeitet. Das sind mehr als 200.000 Tonnen CO2 pro Jahr für Bücher, die keiner liest. Kein Mensch. Niemand.

Und in den USA ist – oder war – das traditionelle Buchgeschäft noch 15-20 mal größer. Können Sie sich so viele Bäume vorstellen? Warum sollte diese Industrie nicht zugrunde gehen?

Das große Geschäft mit Büchern läuft nur digital, und Amazon, Apple und Co. werden es beherrschen. Gut so. Uns Autoren wird es freuen, denn Amazon und Smashwords bieten uns mehr als dreimal höhere Tantiemen als die alten Verlage. Alles, was wir tun müssen, ist gute Bücher zu schreiben und sie in der bestmöglichen Qualität auf den Markt zu bringen. (Übrigens, waren Sie so überrascht wie ich angesichts der Fehler in dem letzten traditionell verlegten Buch, das Sie gelesen haben? Viele Verlage kümmern sich weniger darum, als man glaubt, fürchte ich.)

Den Rest erledigt der Kunde – der Leser. Wenn wir verkaufen wollen, müssen wir dafür sorgen, dass die Menschen über unsere Bücher reden, aber das müssen wir sowieso. Und wenn es ums Geld geht: Um 100 Euro mit meinen traditionell verlegten Büchern zu verdienen, muss ich ca. 50 Stück verkaufen; und selbst davon träumen heute viele traditionell verlegte Autoren. Bei einem selbst publizierten Titel muss ich bei gleichem Verkaufspreis max. 15 Exemplare verkaufen.

Die großen Buchhandlungen sterben, einige langsamer, andere schneller. Ihr Geschäft schrumpft, irgendwann werden sie die Mieten für ihre großen Läden nicht mehr bezahlen können – und wir werden die großen Läden auch nicht mehr brauchen. Auf einen einzigen Kindle passen Millionen Buchseiten.

Und es gibt eine weitere Überraschung: Der kleine Buchladen kehrt zurück. Er wird ein feiner, gemütlicher Ort sein wie früher, wie ein Antiquitätenladen, wo ein Romantiker wie ich gerne seine Zeit verbringt, wo ich stöbern kann und Schätze finden. Wo man mit den Menschen spricht, denen die Buchhandlung tatsächlich gehört und die eine Auswahl getroffen haben und viele der Bücher kennen und uns etwas darüber erzählen können, ohne von Marketingabteilungen, Managern und Vorständen dazu gezwungen zu werden, einen bestimmten Titel zu verkaufen.

Denn eine Buchhandlung war nie etwas anderes: eine Liebhaberei, für die Besitzer wie für die Leser. Das große Geld spielt hier keine Rolle.

Und wieder: gut so.

5 thoughts on “Die Rückkehr des Buchladens

  1. Ok aus Sicht der Autoren ist der Vorgang zum digitalen Buch sicherlich ein Vorteil.

    Aber derzeit bin ich krank zuhause, und war sehr froh, letzte Woche bei meinem Bruder ins Regal greifen zu können und mir 7 Bücher mit zunehmen. Seinen Ebookreader hätte ich mir sicherlich nicht ausleihen können.

    Bei mir ist es übrigen so, dass ich in jedem Buchladen immer mehr Bücher einpacken will, als mein Budget zur Verfügung stellt…

    Hoffen wir also auf den kleinen Laden um die Ecke.

    • Hi Christian,
      erst einmal wünsche ich dir gute Besserung, und vielen Dank für deinen Kommentar. Wenn du deinen eigenen Ebook-Reader dabei hättest, oder einen Computer mit der kostenlosen Kindle-Software zur Hand (oder notfalls auch ein Smartphone), könntest du für dasselbe Budget mehr Ebooks kaufen, weil sie im Schnitt billiger sind – vor allem die Titel freier Autoren wie John Locke (Donovan Creed-Reihe). Das ist keine große Literatur, genausowenig wie das meiste im Buchhandel … aber witzig, und für 0,81 Cent :)

      Get well soon!

      Jens

      • Wir haben eine Freundin, bei der sich in einem Bücherregal die Bücher bis unter die Decke stapeln. Die Regalbretter hängen teilweise durch und ich schaue jedes Mal ins Regal wenn ich zu Besuch bin.
        Ich finde sowas schön, ich finde, das gibt einem Raum Atmosphäre und verrät mir was über die Persönlichkeit des Bewohners.
        Mir fehlt es auch, bei Leuten einfach mal ins CD-Regal zu schauen… Das wird wohl auch mit den Büchern passieren.

        Zu den Ebookreadern: Ob die eine längere Haltbarkeit als Handys haben? Die Investition muss sich ja auch rechnen.

        Gruß
        Christian

  2. Du hast recht. Ich liebe Bücher auch. Manche finden Spitzwegs “Bücherwurm” düster, ich finde es toll. Ich glaube auch, dass es weiter solche Orte geben wird und muss, wo sich die Buchrücken aneinander reihen und über uns auftürmen. Vielleicht sorgt die Ebook-Revolution dafür, dass es besonders kostbare Bücher sind.
    Die elektronischen Lesegeräte werden wohl in der Tat austauschbar sein. Vielleicht stellt sich eher die Frage, welche Plattformen, Apps und Anbieter bestehen werden.

    Cheerio, fellow book lover!

    Jens

  3. Pingback: Linktipps der Woche 9/2012: 100. Geburtstag der DNB, Buchpreisbindungsgesetz in der Schweiz und Rückkehr des Buchladens | Wissenschaft und neue Medien

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