Wilhelm Zahn & Goethe

Wilhelm Zahn war mein Urururgroßonkel und ab 1827 mit Johann Wolfgang Goethe befreundet, bis zu dessen Tode 1832. Zahn leitete und dokumentierte die Ausgrabungen in Pompeji und brachte die dabei angefertigten Zeichnungen und Drucke mit nach Weimar, um sie Goethe zu zeigen. Seine Berichte über die gemeinsamen Tage sind hochinteressant, spannend und aufschlussreich, wie das folgende Beispiel zeigt.
Wilhelm Zahn was my great-great-great-great-uncle and friends with Johann Wolfgang Goethe from 1827 until Goethe’s death in 1832. Zahn managed and documented the excavations at Pompeii and brought his sketches and prints with him to Weimar, to show to Goethe. His reports on the days he spent with the great mind are highly fascinating and revealing. Study these two examples:

“Es war am 7. September 1827 und ich noch ein junger unbekannter Mann, als ich auf der Reise nach Berlin durch Weimar kam. Mein ganzes Denken drehte sich um Goethe, und ich beschloß, dem Gefeierten meine Aufwartung zu machen. Aber es war nicht ganz leicht, zu ihm zu gelangen. Tag für Tag von Besuchen bestürmt, hielt er sich etwas abgeschlossen. Der Maler und Dichter August Kopisch, der Entdecker der blauen Grotte zu Capri, erzählte mir, wie er dem Dichterfürsten einen langen Brief geschrieben und darin um eine Audienz gebeten, aber keine Antwort erhalten habe. Ein anderer meiner Bekannten – mir fällt der Name nicht gleich bei – hatte sich bis ins Haus gewagt und war dann schüchtern auf den Hof geschlichen, um nach einem dienstbaren Geiste zu spähen; aber er traf nur zwei Knaben, die Enkel des Dichters, die wild umherrannten und einen großen Lärm trieben. Da öffnete sich plötzlich ein Fenster und der Ersehnte lehnte heraus. Mit blitzenden Augen und einer Löwenstimme, rief er herunter: »Wollt ihr Lümmel endlich Ruhe halten!« Schrie’s und warf klirrend das Fenster zu. Die Knaben wurden still, und mein Freund rannte erschreckt davon. – Diese unglücklichen Geschichtchen konnten mich nicht abschrecken und ich machte mich getrost auf den Weg, obwohl ich weder einen Namen noch die geringste Empfehlung aufzuweisen hatte. …. Auf dem Flure trat mir ein Diener entgegen, dem ich meinen Namen nannte: »Zahn, Maler und Architekt.« »Maler und Architekt,« wiederholte mechanisch der Diener, indem er mich zweifelhaft musterte. »Sagen Sie Sr. Excellenz: Aus Italien kommend.« »Aus Italien kommend,« wiederholte jener und entfernte sich, worauf er alsbald zurückkehrte und mich bat, ihm zu folgen …. Wir stiegen eine schöne breite Treppe hinan; … mein Führer öffnete, ließ mich eintreten und ich befand mich in einem stattlichen Empfangzimmer. ….

Nach wenigen Augenblicken trat Goethe ein. Es ist eine tausendmal gebrauchte Phrase, daß der Dichter an Erscheinung und Wesen dem griechischen Götterkönig geglichen, aber niemand konnte leugnen, daß der Mann, der jetzt vor mir stand, seines Gleichen suchte. Das Alter ließ die hohe, kräftige, Ehrfurcht gebietende Gestalt nur noch herrlicher erscheinen. Unter der gewaltigen Stirn blitzten zwei große braune Augen, und das bronzefarbige Antlitz trug den Stempel der Hoheit und Genialität. Er hieß mich ihm gegenüber Platz nehmen und fragte mit seiner ausdrucksvollen, volltönenden Stimme, die jedoch zuweilen den Frankfurter Dialekt anklingen ließ: »Waren also in Italien?« »Drei Jahre, Excellenz.« »Haben vielleicht auch die unterirdischen Stätten bei Neapel besucht?« »Das war der eigentliche Zweck meiner Reise. Ich hatte mich in einem antiken Hause zu Pompeji behaglich eingerichtet, und während zweier Sommer geschahen alle Ausgrabungen unter meinen Augen.« »Freut mich! Höre das gern« – sagte Goethe, der eine gedrungene Redeweise liebte und gern die Pronomina wegließ. Er rückte mit seinem Stuhle mir näher und fuhr dann lebhaft fort: »Habe den Akademien zu Wien und Berlin mehrere Male gerathen, junge Künstler zum Studium der antiken Malereien nach jenen unterirdischen Herrlichkeiten zu schicken; um so schöner, wenn Sie das auf eigene Hand gethan. Ja, ja! das Antike muß jedem Künstler das Vorbild bleiben. – Doch vergessen wir das Beste nicht! Haben wohl einige Zeichnungen in Ihrem Reisekoffer?« »Ich habe die schönsten der antiken Wandgemälde meist gleich nach der Entdeckung durchgezeichnet und farbig nachzubilden gesucht. Wünschen Excellenz vielleicht einige davon zu sehen?« »O gewiß, gewiß!« fiel Goethe ein; »mit freudigem Danke. – Kommen Sie nur zum Essen wieder. Speise gegen zwei Uhr. Werden noch einige Kunstfreunde finden. Sehne mich ordentlich nach Ihren Bildern. Auf Wiedersehen, mein junger Freund!« Und er bot mir seine Hand, während er die meinige freundlich drückte. (…)

Noch erwähne ich zweier deutscher Professoren, die ihn damals besuchten und ihm durch ihr allzugründliches Forschen nach den Intentionen seiner Werke unbequem wurden. Ein Kreuzfeuer von Fragen: Was haben Exzellenz hierbei gedacht? und Was haben Exzellenz damit beabsichtigt? entlud sich über dem Haupte des greisen Dichters. — Goethe stieß mich unter dem Tisch bedeutungsvoll an, nagte an den Lippen, brummte ein paar unverständliche Worte und nahm einen anderen Gegenstand auf. Nachdem sich die gelehrten Grübler entfernt hatten, sprach er unwillig: Wollten wissen, was ich selber nicht weiß. Wie das und jenes allmählich entstanden, weiß am Ende nur Gott allein.” (1829)

Zahns berühmtestes Buch, “Die schönsten Ornamente und merkwürdigsten Gemälde aus Pompeji, Herculanum und Stabiae: nach einigen Grundrissen und Ansichten nach den an Ort und Stelle gemachten Originalzeichnungen”, wurde von der Universität Heidelberg digitalisiert und ist hier zu finden. (siehe unten)
Zahn’s most famous book, “Die schönsten Ornamente und merkwürdigsten Gemälde aus Pompeji, Herculanum und Stabiae: nach einigen Grundrissen und Ansichten nach den an Ort und Stelle gemachten Originalzeichnungen”, was digitised by the University of Heidelberg and can be found here:

Wilhelm Zahn TafelNutzungsbedingungen des Scans: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/

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